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Kein Schadensersatz für scharrende Hühner

Im Herbst 1996 kam es auf einer Gemeindestraße zu einem Einbruch der Fahrbahndecke in Höhe des Grundstücks eines Hühnerhalters. Entlang der ca. 60 m langen gemeinsamen Grenze wird die Straße durch eine Mauer begrenzt, deren Fuß aus flachen Sandsteinbögen gebildet ist.

Der Beklagte hält auf seinem Grundstück seit ca. 20 Jahren Rhodeländer Hühner, die sich auch auf den Sandsteinbögen der klägerischen Stadtmauer aufhielten.

Anlässlich des Fahrbahndeckeneinbruchs stellte die klagende Gemeinde fest, dass der Straßenkörper im Bereich des ca. 1965 verlegten Kanals völlig unterhöhlt war.

Die klagende Gemeinde behauptete, die Hohlräume, welche Ursache des Straßeneinsturzes waren, seien von den Hühnern des Beklagten geschaffen worden. Diese hätten unter den Sandsteinbögen der Stadtmauer nicht nur gescharrt sondern bis zu 2 m tiefe Gänge im Straßengrund geschaffen, die bis in die Mitte der Straße gereicht hätten.

Für die Schadensbeseitigung machte die Klägerin Kosten in Höhe von 11.504,07 EUR geltend.

Die Klägerin führte an, dass der Beklagte als Tierhalter für die Schäden hafte. Er sei verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Hühner nicht auf fremde Grundstücke vordringen und dort Schäden verursachen. Im übrigen müsse davon ausgegangen werden, dass er über das Verhalten der Hühner im Bereich der Stadtmauer Bescheid gewusst habe.

Der Beklagte Hühnerhalter bestritt, dass seine Hühner die Hohlräume unter dem Straßenkörper geschaffen hätten und hierdurch den Einsturz der Straßendecke verursacht hätten. Die Hohlräume seien auf Baufehler bei der Erstellung der Straße und der Einbringung des Kanals zurückzuführen.

Die Klage wurde mit der Begründung abgewiesen, dass ein Schadensersatzanspruch schon allein deshalb nicht bestehe, weil der Beklagte bei der Beaufsichtigung seiner Hühner, die im Verkehr erforderliche Sorgfalt beachtet hat.

Letztendlich konnte es für das Gericht dahinstehen, ob die Hohlräume tatsächlich von den Hühnern des Beklagten geschaffen worden sind und es deshalb zum Einsturz der Straßendecke kam.

In dem Rechtsstreit wurde von der klagenden Gemeinde nicht bestritten, dass der Beklagte mit den Hühnern seinen Lebensunterhalt unter anderem als Händler mit Geflügel und Eier bestritt. Damit handelt es sich bei den Hühnern um Haustiere, die dem Unterhalt zu dienen bestimmt waren.

In diesem Fall kommen Schadensersatzansprüche nur dann in Betracht, wenn der Beklagte die bei der Beaufsichtigung seiner Hühner die im Verkehr erforderliche Sorgfalt nicht beachtet hat. Hierzu ist es nicht notwendig, dass der Beklagte die Tiere ständig beaufsichtigt. Es reicht aus, wenn er Vorkehrungen trifft, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass Schädigungen Dritter durch die Tiere nicht zu befürchten sind.

Diesen Anforderungen hat der Beklagte bereits dadurch genügt, dass er die Hühner auf einem eingezäunten Grundstück hielt und damit sicherstellte, dass sie nicht entweichen konnten.

Weitergehende Maßnahmen waren nach Auffassung des Gerichts nicht notwendig, da der Beklagte nicht damit rechnen musste, dass die Hühner unterhalb der Stadtmauer die von der Klägerin behaupteten Schäden hervorrufen.

Das Gericht stellte hierzu fest, dass Hühner keine Maulwürfe seien. Während es dem Wesen eines Maulwurfs, als einem meist unterirdisch lebenden Grabtier, dessen Vorderextremitäten zu großen Grabschaufeln entwickelt sind, entspricht, in der Dunkelheit lange unterirdische Gänge zu graben, ist ein derartiges Verhalten von Hühnern nicht (gerichts-) bekannt.

Bei Hühnern handele es sich vielmehr um meist am Boden lebende Scharrvögeln, mit kräftigen vierzehigen Füßen, drei scharrtüchtigen Vorderzehen und einer bodenfernen Hinterzehe.

Wie sich aus der Bezeichnung als Scharrvogel bereits ergebe, und was auch gerichtsbekannt sei, pflegen Hühner durchaus kräftig auf dem Boden zu scharren. Dass sie aber bis zu 2 m lange Gänge in voller Finsternis graben, sei nicht bekannt, zumal es sich bei Hühnern nicht um in der Dunkelheit sondern am Tage aktive Tiere handeln würde.

Mit einem derartigen Verhalten musste der Beklagte auch unter Berücksichtigung dessen, dass ihm bekannt war, dass die Hühner gelegentlich unter den Sandsteinbögen der klägerischen Stadtmauer scharrten, weder rechnen noch dagegen Vorsorge treffen. Er konnte vielmehr davon ausgehen, dass durch das Scharren der Hühner unter der Stadtmauer keine den Bestand des Bauwerks bzw. der darüber liegenden Straße gefährdenden Schäden eintreten.

Die Klage war somit abzuweisen.

Rechtsanwalt Dr. Christian Halm, Neunkirchen/Saar

RA Dr. Christian Halm, Neunkirchen/Saar
Fachanwalt für Agrarrecht
Fachanwalt für Versicherungsrecht
Fachanwalt für Verwaltungsrecht
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